Glück versus Zufriedenheit

Glück versus Zufriedenheit

Unsere Gesellschaft scheint getrieben vom stetigen Streben nach dem Glück. Doch wann ist der Glückszustand erreicht – wenn Traumjob und Traumpartner gefunden sind und das Bankkonto gut gefüllt ist? Oder geht es bei Glück und Zufriedenheit um etwas ganz anderes? Antworten darauf gibt es viele, denn jeder bastelt sich in seiner Vorstellung ein persönliches Elysium á la carte, das Erfüllung verspricht.

Eine Gesellschaft der Glückssucher 

Am Thema Glück haben sich bereits Philosophen aller Epochen und Kulturkreise abgearbeitet – von Aristoteles über Konfuzius bis Kant. Trotzdem bleibt Glück ein Mysterium, das sich nicht greifen lässt. Die heutige Welt ist mehr denn je von der Jagd nach dem Glück besessen. Doch unsere Jagd ist selten von Erfolg gekrönt. Meist scheint das Glück einen Schritt voraus oder aber – wie in Brechts Ballade von der Unzulänglichkeit aus der Dreigroschenoper – hinterherzuhinken. 

Blockieren wir also mit unserer ewigen Suche das Glück? Vielleicht sollten wir aufhören, das Leben total durchzuplanen, um das Glück zu erreichen, und einfach bereit für das Glück sein. Denn echte Glücksmomente sind nicht planbar und kommen oft ganz überraschend – genau dann, wenn sie keiner erwartet. Der zerbrechliche flüchtige Zauber des Glücks verbirgt sich oft in ganz kleinen Dingen. Ein plötzlich durchbrechender Sonnenstrahl im Grau in Grau, das Lächeln eines Kindes, der Blick eines Unbekannten. 

Was ist Glück? 

Glück ist wohl am ehesten ein Gefühl, das wir aus Kindertagen kennen. Als wir uns selbstvergessen dem Spiel widmeten oder ausgelassen auf einer Wiese tobten, waren wir eins mit der Welt. Dann schien die Zeit stillzustehen. Glück ist loslassen, Unbeschwertheit und Geborgenheit – und kann nur als solches empfunden werden, wenn es nicht ständig verfügbar ist. Denn dauerhaftes Glück wäre kein Glück. 

Weil wir dieser reinen ursprünglichen Form des Glücks weder Raum noch Zeit geben, flüchten wir uns in Aktivitäten, die Glück versprechen. Wir erleben Glücksgefühle, indem wir körperlich über eigene Grenzen gehen oder uns nutzlose Dinge kaufen. Sport oder Shoppen wird nicht selten zur Droge – denn das erzielte kurzlebige Hochgefühl verlangt nach stetiger Wiederholung und Steigerung. Diese selbst verordnete planbare Form des Glücks passt zwar perfekt zu unserem durchgeplanten Leben, fühlt sich aber mit Recht seltsam inhaltsleer an. 

Ist Zufriedenheit das wahre Glück? 

Leider ist Zufriedenheit wenig positiv besetzt und wird häufig mit Stillstand assoziiert – und das geht nach unserem Verständnis gar nicht. Die negative Konnotation zeigt sich schon im deutschen Sprachgebrauch. Sich mit etwas zufriedengeben heißt schlichtweg: nicht ehrgeizig genug sein, um mehr zu erreichen. Denn in unserer Leistungsgesellschaft muss es stetig mehr, mehr und nochmals mehr sein. So dreht sich das Hamsterrad unerbittlich und immer schneller weiter. Bis wir irgendwann von den Fliehkräften abgeworfen werden oder selbst abspringen. Dabei wäre Innehalten so notwendig, um ein zufriedenes Leben zu führen! 

Fragwürdiges Selbstbild verhindert Zufriedenheit

 Solange wir in einem Selbstbild verhaftet sind, nur wertvoll zu sein, wenn wir immer mehr leisten, ist zufrieden leben kaum möglich. Denn der Leistungsgedanke geht unweigerlich mit einer hohen Anspruchshaltung einher. Und die lässt uns nicht zur Ruhe kommen – denn es ist nie genug, was wir erreicht haben, was wir besitzen, was wir sind. Das lässt uns unzufrieden sein, obwohl alle menschlichen Bedürfnisse mehr als abgedeckt sind. 

Oft staunen wir beim Besuch ferner Länder, wie fröhlich und zufrieden Menschen anderer Kulturkreise sind, obwohl ihnen oft das Nötigste fehlt. Das zeigt, dass Zufriedenheit ein Lebensgefühl ist, das in hohem Maße von Werten und persönlicher Einstellung und weniger von materiellen Dingen abhängt. Hier lohnt es sich zu hinterfragen, ob wir das, was wir täglich anhäufen, wirklich brauchen – und was uns wichtig ist. Durch Überfluss verlernen wir offenbar, Dinge wertzuschätzen. 
Ein Stück Bescheidenheit und Genügsamkeit würde uns deshalb gut zu Gesicht stehen – dann hielte auch die Zufriedenheit wieder Einzug in unser Leben.