Achtsameres Leben im  Hier und Jetzt

Achtsameres Leben im Hier und Jetzt

Wissen Sie eigentlich, was “gegenwärtig sein” meinen könnte?

Die meisten Menschen wissen es nicht wirklich. Der Grund liegt darin, dass wir Menschen dazu neigen, Vergangenes nicht loszulassen. Wir sind einen Großteil unserer Zeit auf Erden damit beschäftigt, Erinnerungen zu pflegen. Wir überlassen vergangenen Traumata, Verrat und Enttäuschungen unser halbes Leben. Gedanken daran kreisen wie Satelliten unablässig um unser Bewusstsein. Folglich sind wir in diesen Momenten nicht im Hier und Jetzt anwesend. Wir reagieren gewohnheitsmäßig auf das, was wir gerade tun. Man könnte sagen, wir fliegen wie auf Autopilot geschaltet durch viele Jahre unseres Lebens.
Zu anderen Zeiten sind wir geistesabwesend, weil wir uns mit Plänen, Träumen, Ängsten oder Terminen befassen, die in der Zukunft liegen. Lebens- und Terminplanungen müssen sein. Doch es würde genügen, Termine zu verabreden, und anschließend wieder im Hier und Jetzt anzukommen.

Stattdessen wandern unsere Gedanken vom vereinbarten Zahnarzttermin zu der Angst, er könnte bohren. Dann wandern sie zu Urlaubsplänen für den Herbst, zu angestrebten Karrierezielen, oder den Erwartungen anderer. So wandern unsere Gedanken sprunghaft von Vergangenheit zur Zukunft, und zurück. Nur wenige Momente am Tag sind sie wirklich da, wo sie hingehören: In diesem Moment. Und dann im nächsten.

Leben im Hier und Jetzt

Hindernisse auf dem Weg zur Achtsamkeit

Um zu erfahren, wie Ihre Gedanken permanent zwischen Vergangenheit und Zukunft hin und herspringen, setzen Sie sich einmal auf ein Kissen. Beobachten Sie in entspannter Haltung aufmerksam Ihren Atem. Atmen sie ein und atmen sie aus. Und meist geht es schon los. Ein Gedanke schleicht sich ein. Eine Erinnerung flitzt vorbei. Ein Geräusch stört. Das Bein juckt. Huch: Abgelenkt! Sie atmen ein. Sie atmen aus. Ein Arzttermin müsste vereinbart werden. Er wurde vergessen. Ihre Mutter hat auch ständig Termine vergessen. Und schwupps, sind Sie erneut geistesabwesend. Sie folgen einem Gedankengang, der sich um Ihre Mutter dreht. Sie könnten diese Gedankengänge einfach registrieren, sie vorbeiziehen lassen, und konzentriert weiter bei Ihrem Atem sein.

Stattdessen lassen Sie sich in eine Geschichte oder einen Erinnerungsfaden verstricken. In Ihnen scheint sich ein gedanklicher Radiosender zu befinden, der unablässig auf Sendung ist. Das Problem liegt aber darin, dass Sie unablässig auf Empfang geschaltet sind, und emotionell auf das Endlos-Gebrabbel reagieren.

Die Krankheit des Geistes:

Manche Gedankengänge entwickeln ein Eigenleben. Sie entfalten eine ungeheure Dynamik, und ziehen eine Kette anderer Gedanken nach sich. Sie verfolgen die Geschichte, die sich in Ihrem Denken entwickelt, und halten diese für real. Doch solche zusammenfantasierten „Geschichten“ sind nichts als entfesselte Gedanken, hinter die Sie Ihre Aufmerksamkeit geheftet haben.
Sie sollten irgendwann aufwachen und Ihre Aufmerksamkeit zurückholen. Werfen Sie gedanklich ein Lasso aus, das Sie in die Gegenwart zurückholt.

Die Gegenwart…

das ist DIESER Moment. Und diesen verpassen Sie wieder und wieder, weil sie sich im Dann und Dort, im Wenn und Aber, aber nicht im Hier und Jetzt aufhalten. Sie sind damit keineswegs alleine. Die meisten Menschen düsen auf Autopilot durch das Leben – vor allem seit es Smartphones gibt. Diese werden beim Autofahren oder beim Überqueren einer Straße für wichtiger gehalten, als Ihr Leben – denn dieses setzen Sie auf’s Spiel, wenn Sie unachtsam sind. Das gilt im Straßenverkehr, das gilt am Küchenherd. 

Es gilt auch in den Momenten, in denen anscheinend gar nichts passiert. Gedankliche Stillstände übersetzen viele Menschen mit Langeweile. Diese “multitasken” und “simsen” sie umgehend zu. Etwas geht allerdings verloren, wenn Sie permanent im Damals oder im Übermorgen leben: Sie verpassen Ihr eigenes, bewusst erlebtes Leben.

Achtsamkeit erfordert bewusstes Loslassen

Gegenwärtig-Sein kann trainiert werden. Am Anfang ist es anstrengend, aus den gewohnten Gedankenmühlen und dem unablässigen Gebrabbel der Gedanken auszubrechen. Wer sich eine Stunde Zeit am Tag dafür nimmt, einfach dazusitzen und nicht zu denken, spart Energien ein. 

Die meisten Menschen merken gar nicht, wie viele Energien ihnen täglich durch das Verfolgen von früheren Geschehnissen, oder in der Zukunft vielleicht nie eintretenden Ereignissen verloren gehen. Sie sind es gewohnt, mehrere Dinge zugleich zu erledigen, meist ohne jedes bewusste Denken. Vielmehr spulen Menschen oft genug ein inneres Programm ab, das sie wie auf Autopilot durch all die Dinge geleitet, die ihren Tag ausmachen. 

Versuchen Sie einmal, nur eine Sache zur selben Zeit zu tun. Tun sie dies ganz bewusst. Lassen Sie sich vollkommen darauf ein. Lassen Sie alles andere los. Das ist anfangs nicht ganz einfach. Viele Dinge tun wir nicht gerne. Manches lässt sich gut nebeneinander abhaken, oder miteinander verbinden. Wir verpassen vielleicht etwas, wenn wir uns mehr Zeit nehmen, und alles bewusster tun. Oder wir entdecken, dass uns oft wie Automaten verhalten, statt wirklich im Moment anwesend zu sein. Wie viele Gespräche sind schon mit gewohnheitsmäßigen Reaktionen bestückt worden?

Lassen Sie einmal alles los, was Ihnen in den Kopf kommt.

Ihren Helferkomplex, ihren inneren Schweinehund. Lassen sie alles los. Legen Sie das Smartphone auch gedanklich beiseite. Schalten Sie den inneren Kommentator leise. Hören Sie Ihrem Gegenüber aufmerksam zu. Lassen Sie den Gedanken los, die Whatsapp-Nachricht, die auf dem Smartphone-Display angezeigt wird, sei wichtig. Ihre aufmerksame, zugewandte Anwesenheit im Leben eines anderen ist jetzt wichtig, sonst nichts. Achtsam zu leben, bedeutet zunächst, dass Sie alles weglassen, was nicht wesentlich ist.
Sie werden bald spüren: weniger ist mehr. Wer täglich Achtsamkeit trainiert, verpasst nichts. Er entdeckt lediglich, dass er sein Leben mit zahllosen überflüssigen Besitztümern, Tätigkeiten, Gedanken und Plänen angefüllt hat. Die meisten Menschen meinen, sie spüren sich selbst, wenn sie möglichst viel besitzen, viele Dinge gleichzeitig tun und alles Machbare mitnehmen.

Tatsächlich spüren wir so alles Mögliche – nur nicht das, was wir eigentlich sind. Energie kommt aus der Stille. Das Abschalten von Stressoren, die wir gar nicht mehr als Stressoren wahrnehmen, bedeutet Erholung. Entstresster zu sein, bedeutet mehr Reichtum an unmittelbarem Erleben, und mehr Zeit für die wesentlichen Dinge zu haben.

Das Hier und Jetzt liegt in der Mitte

Die Vergangenheit ist bereits Geschichte. Die Zukunft wird garantiert anders, als wir zusammenfantasieren. In manchen Momenten des Lebens IST es wichtig, die Vergangenheit zu betrachten. Manchmal IST es wichtig, einen Termin in der Zukunft zu betrachten, oder für die Zeit der Rente finanzielle Planungen zu verfolgen. Doch in der restlichen Zeit sollten wir danach trachten, das JETZT zu erleben. Eine sinnlose Verschwendung von Energien ist es, jahrelang mit Vergangenem zu hadern, auf bessere Zeiten in der Zukunft zu hoffen, und entsprechende Fantasien zu verfolgen.Zwischen diesen beiden Dingen liegt das bewusste Gewahrsein dessen, was wirklich unser Leben ist: das Hier und das Jetzt. Diesen Moment – und dann den nächsten – bewusst zu erleben, ist kostbarer als alles andere.

Jeder Augenblick ist vergänglich, unvergleichlich und einmalig. Er kommt so nie wieder. Es geht darum, bewusst in der Vergangenheit zu verweilen, aber darüber nie den jetzigen Moment zu vergessen. Sonst endet das Leben für manchen wie ein Traum: mit dem jähen Erwachen, dass das Leben wie im Flug vergangen ist, ohne wirklich erlebt worden zu sein. In diesem Moment wirklich anwesend zu sein, bedeutet Lebendigkeit.

Aus dem Hamsterrad der Gewohnheiten, der Illusionen und der Dauerbeschallung der Gedanken auszusteigen, bedeutet Frieden.

Bewusst wahrzunehmen, was uns umgibt, bedeutet: Zufriedenheit, Dankbarkeit und Freude zu erfahren. Die Prioritäten in einem achtsameren Leben sind andere. Sie schenken uns Energiepotenziale, statt welche zu rauben. Wir sind fokussiert und zufrieden, statt zerstreut und voller unerfüllter Wünsche. Glücksmomente existieren nicht in einer ungewissen Zukunft, sondern jetzt.
Statt unser gesamtes Leben Zielen in der Zukunft, und Traumata der Vergangenheit hinterherzuwerfen, sollten wir all das loslassen, und diesen Moment feiern. Und dann den nächsten. Die Erfahrung dieses Moments ist das, was wirklich im Leben zählt. Wenn jemand inmitten einer ursprünglichen Dünenlandschaft einen traumhaften Sonnenuntergang erlebt, und seufzt „Und jetzt in Holland Motorrad fahren!“, hat er Wesentliches nicht verstanden.